Zwischen Demokratietheorie, Lobbyismus und Populismus – drei Seminartage in Wiesneck

01. Juli 2026

Vom 29. Juni bis 1. Juli verbrachte der Gemeinschaftskunde-Leistungskurs gemeinsam mit Frau Bonnet drei intensive Seminartage im Studienhaus Wiesneck bei Freiburg. Passend zum Schwerpunktthema Politisches System im Abitur drehte sich alles um Demokratietheorien, Protest, Lobbyismus und Populismus – also um genau die Fragen, die unsere Demokratie aktuell beschäftigen.

Schon die Anreise begann mit einer kleinen Herausforderung: Ein ausgefallener Zug und eine Umsteigezeit von gerade einmal zwei Minuten für sieben Bahnsteige verlangten der Gruppe eine gemeinsame Kraftanstrengung ab. Dank guter Organisation, etwas Sprintvermögen und einer Portion Glück erreichten wir schließlich aber pünktlich und entspannt das idyllisch gelegene Studienhaus in Buchenbach. 

Gemeinsam mit unserem Kurs nahmen acht Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums aus Horb am Neckar am Seminar teil. Das bedeutete, dass die eingespielten Arbeitsstrukturen unseres Leistungskurses etwas aufgebrochen wurden. In den Diskussionen führte das immer wieder zu anderen Sichtweisen und neuen Gesprächspartnern – manchmal bereichernd, manchmal auch herausfordernd, insgesamt aber vor allem eine spannende Erfahrung.

Der erste Seminarnachmittag stand ganz im Zeichen der Politischen Theorie. Unter der Leitung von Prof. Dr. Ulrich Eith diskutierten die Schülerinnen und Schüler die unterschiedlichen Demokratievorstellungen von Schumpeter, Habermas, Barber, Fraenkel und den Autoren der Federalist Papers. Dabei ging es nicht nur um die Frage, wie Demokratien theoretisch ausgestaltet sein sollten, sondern auch darum, wie sie tatsächlich funktionieren. Zum Abschluss wurde darüber diskutiert, ob das Bundesverfassungsgericht lediglich Hüter der Verfassung oder längst auch aktiver Mitgestalter der Politik ist.

Den Abend verbrachte der LK gemeinsam auf der Terrasse, bei Spaziergängen und Gesellschaftsspielen – und natürlich mit dem Deutschlandspiel, das bis tief in die Nacht verfolgt wurde und gegen halb zwei leider mit einer enttäuschenden Niederlage endete.

Der zweite Seminartag war geprägt von intensiver inhaltlicher Arbeit. Am Vormittag führte Dr. Beate Rosenzweig in die Geschichte und Bedeutung gesellschaftlicher Protestbewegungen ein. Anhand der 68er-Bewegung, der Frauen- und Friedensbewegung, der Anti-Atomkraft-Bewegung sowie aktueller Beispiele wie den Querdenker-Protesten oder den Demonstrationen gegen Rechtsextremismus diskutierten die Schülerinnen und Schüler, welche Formen politischen Protests legitim und wirksam sind und woran sich Erfolg eigentlich messen lässt.

Am Nachmittag stand das Thema Lobbyismus im Mittelpunkt. Gemeinsam mit Dr. Julian Schärdel wurden verschiedene Formen der Interessenvertretung, bekannte Lobbyismus-Skandale sowie die grundsätzliche Frage diskutiert, ob Lobbyismus eine Gefahr für die Demokratie oder vielmehr eine notwendige Voraussetzung pluralistischer Politik ist. Besonders spannend war der Austausch mit Lukas Sutter vom Deutschen Schaustellerbund, der als Lobbyist aus seinem Berufsalltag berichtete und zahlreiche Fragen beantwortete. Im anschließenden Planspiel schlüpften die Schülerinnen und Schüler selbst in die Rolle verschiedener Interessengruppen und versuchten, beim Neubau einer Straße die Anliegen von Familien, Unternehmen, Umweltschützern und der Politik miteinander in Einklang zu bringen. Am Ende zeigte sich, wie schwierig politische Kompromisse sind – und dass am Ende oft niemand vollständig gewinnt, aber möglichst viele mit der Entscheidung leben können.

Auch der zweite Abend bot Raum für Gespräche abseits des Seminarraums. Tischtennis, Kniffel und mehrere Runden Werwolf sorgten für einen gelungenen Ausklang eines arbeitsreichen Tages.

Am Mittwochmorgen stand schließlich noch das Thema Populismus auf dem Programm. Gemeinsam wurde der Frage nachgegangen, welche Ursachen hinter dem Aufstieg populistischer Parteien stehen, welche Herausforderungen sie für demokratische Systeme mit sich bringen und wie Demokratien angemessen mit populistischen Akteuren umgehen können.

Die Heimreise hielt schließlich noch eine letzte Herausforderung bereit: Unerwarteterweise ließ uns die S-Bahn im Stich. Trotz einer herausragenden Sprintleistung des gesamten Kurses – auf die so mancher Sportlehrer stolz gewesen wäre – mussten wir mit ansehen, wie der ICE uns im wahrsten Sinne des Wortes direkt vor der Nase davonfuhr. 

Drei Tage voller intensiver Diskussionen, neuer Perspektiven und spannender Begegnungen haben einmal mehr gezeigt, wie bereichernd außerschulische Lernorte sein können. Ein herzlicher Dank gilt dem Team des Studienhauses Wiesneck, den Referentinnen und Referenten für die toll gestalteten Seminare sowie dem Hauswirtschaftsteam für die ausgezeichnete Verpflegung. Nicht nur die Schülerinnen und Schüler lernten in Wiesneck etwas Neues – auch Frau Bonnet. Es zeigte sich einmal mehr, dass Unterricht außerhalb des Klassenzimmers andere Seiten zum Vorschein bringt: Wer im Unterricht eher leise ist, kann plötzlich die spannendsten Diskussionsbeiträge liefern, während die üblichen Vielredner auch einmal zuhören. Genau diese Erfahrungen machen Seminare wie in Wiesneck jedes Jahr aufs Neue besonders.

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